Praxisseminar Buchherstellung 2014

Ein Bericht von Monique Sommerfeld und Tanja Apel

Vom 18.-20. Juni 2014 fand das 52. Praxisseminar für Buchherstellung statt.
Die angehenden BuchhändlerInnen des Oberstufenzentrums Handel in Berlin-Kreuzberg erleben und erfahren hier jedes Jahr die einzelnen Schritte der Buchproduktion – von der Papierfertigung bis zum vollendeten Buch.

BB_Druckerei© LV Berlin Brandenburg

Als Auftaktveranstaltung machte die Herstellerin Annika Preyhs uns TeilnehmerInnen mit den Grundlagen der Typografie vertraut. Die wichtigsten Schwerpunkte in ihrem Arbeitsalltag sind die Auswahl der passenden Schriftart und -größe, der optimale Zeilenabstand sowie die ausgeglichene Seitengestaltung. Hierfür wurden zahlreiche Musterbeispiele herumgereicht und wir konnten Buchbestaltung im wahrten Sinne des Wortes nun schon viel besser begreifen.

Danach ging es zu der Museumsdruckrei im Technikmuseum, wo uns Herr Krämer durch die Austellung führte und die verschiedenen Exponate erklärte. Mit großer Begeisterung zeigt er uns seine Werkstatt, mit all den Schriftkästen und historischen Geräten. Er demonstrierte uns das Zusammenlegen eines Textes per Hand mit einzelnen Bleilettern und den Zeilensatz mit der Linotype, bei der ganze Sätze direkt in Blei gegossen werden können. Diese Setzmaschine setzt nicht mit einzelnen Lettern, sondern mit Matrizen die zu einer Zeile gereiht und so zu einer Gießform zusammengestellt werden...und dann mit Zischen und Danpfen eine in Blei gegossene druckfertige Zeile hervorzaubert!

BB_Papierherstellung© LV Berlin Brandenburg

Der zweite Tag unseres Herstellerseminars begann wieder im Technikmuseum, wo uns diesmal Herr Schröder die Kunst des Papierschöpfens näher brachte.
Ausführlich erklärte er uns die Tätigkeiten eines Böttchers und zeigte an praktischen Beispielen und Materialien, wie Paier seit Jahrhunderten hersgestellt wird:  ein großer Bottich mit Wasser und aufgeweichter, zerfaserter Baumwolle darin, sowie ein großer Rührlöffel, ein Rahmensieb und eine Presse, das sind schon alle Utensilien die wirklich notwendig waren.
Begeistert verfolgten wir seine Vorführung und konnten es kaum erwarten, selbst Hand anzulegen und unser erstes eigenes Papier zu erschaffen. Während wir dann unseren Kreationen beim Trocknen zusahen, erzählte Herr Schröder etwas über die insgesamt 3000 Papierarten und die unzähligen Materialien, aus denen man Papier schöpfen könnte. Keiner von uns konnte glauben, das Jeansstoff oder Spargelreste zu echtem Papier verarbeitet werden können, doch selbst davon hatte Herr Schröder Exemplare da...

Am Donnerstagnachmittag besuchten wir dann die Berliner Buch- und Offset-Druckerei Heenemann. Heenemann ist eine High End Druckerei mit vollstufiger Pre- und Postpress, Druckvorstufe, Bogenoffset- und Digitaldruckmaschinen, die von 2 bis 8 Farben alles drucken kann. Der Geschäftsführer Dirk Hentschler klärte uns auf über den Unterschied zwischen Buch und Broschur, erläuterte uns die Unterschiede zwischen den verschiedenen Druckverfahren und führte uns im Anschluss durch die verschiedenen Produktionsstufen der Druckerei. Sichtlich stolz zeigte Herr Hentschler uns dabei auch die absolute Neuheit unter den Druckmaschinen, an deren Entwicklung er mit beteiligt war: die HP Indigo 10000 Digital, die große Mengen an hochwertigen Druckseiten produzieren kann und eine große Bandbreite an Druckanwendungen bietet.

BB_Offset-Druckerei© LV Berlin Brandenburg



In der Buchbinderei Lienig wurden wir vom Besitzer Herr Lienig persönlich begrüßt und herum geführt. Zunächst erfuhren wir, wie aufwendig ein altes beschädigtes Buch repariert wird. Fleißige MitarbeiterInnen waren bereits mit solchen Restaurationsarbeiten beschäftigt und boten uns damit einen praktischen Einblick. Ein dicker Bibliothekswälzer wurde zum Beispiel mit Nadel und Faden von Hand repariert, da die Fadenbindung erneuert werden musste.  In dem kleinen Hinterhofbetrieb werden neben Restaurationen auch Bindungen von Loseblattsammlungen und Abschlussarbeiten vorgenommen, sowie kleinere Auflagen von Büchern gebunden. Herr Lienig nahm sich die Zeit, uns den Vorgang des Buchbindens genau zu erklären: von der Abmessung des Buches angefangen, über die Auswahl der Bindeart und der Materialien, bis hin zum fertigen bedruckten Buchrücken. Interessiert verfolgten wir seine exemplarischen Vorführungen und waren dankbar für die genaue Erklärung der Broschurarten. Das Handwerk der Buchbinderei wird hier, abgesehen von einigen kleinen Maschinen zum Schneiden, Buchrücken runden oder dem Prägungsdruck, noch liebevoll von Hand ausgeführt.


Der Hörbuchverlag Argon bestand auf den ersten Blick nur aus Büros und kreativen Köpfen. Herr Kissling ist einer davon und war so freundlich uns einen kleinen Einblick in die Welt des Hörbuchs zu geben. Bei der Produktion von Hörbuchern geht es am Anfang um die Beschaffung von Inhalten, also das Kaufen von Lizenzen und die Erlaubnis, diese in Hörbuchform herzustellen und zu vertreiben. Es gibt sogar Ausschreibungen, wo Hörbuchverlage um einen bestimmte Lizenz bieten und als Bonus eine höhere Auflage oder einen bekannten Sprecher anbieten. Dann wird entschieden, wie der Roman oder das Sachbuch verarbeitet wird. Denn beim Hörbuch gibt es eine Vielzahl von Varianten: die Autorenlesung, eine einstimmige Lesung, Live- Lesung oder das klassische Hörspiel.
Zur Veranschaulichung durften wir in diverse Hörbücher hineinhören. Dabei erklärte Herr Kissling uns auch gleich etwas über Hörbuchsprecher: es sind meistens Männer, was an der angenehmeren Stimmlage liegt. Außerdem ist es kein leichter Beruf, denn über Stunden hinweg ein Buch vorzulesen erfordert nicht nur Stimmtraining, sondern auch Talent. (Was man einigen Autoren manchmal schonend beibringen muss).
Ist der Sprecher gefunden, wird ein Tonstudio gemietet und der Buchinhalt wird zu geeignetem Vorlesematerial umgeschrieben, denn nicht jede Landschaftsbeschreibung oder Ausschweifung hat in einem Hörbuch die gewünschte Wirkung wie im Originalwerk. Die Hörbuchverlage stehen bei ihren Produktionen stets unter Zeitdruck, denn meist soll das Hörbuch zeitgleich mit dem Buch erscheinen, was bei dem Produktionsaufwandeine starke Leistung ist, wie uns dank Herr Kisslings Ausführungen nun klar geworden ist.


Zu guter Letzt öffnete der Ullstein Verlag uns seine Türen und Frau Philipzen begrüßte uns mit zwei weiteren Mitarbeiterinnen, Frau Wricke und Frau Schedler . Bei Erfrischungen und Erdbeeren erklärten sie uns ihre Herangehensweise bei der Verwirklichung neuer Projekte und zeigten uns anhand vieler Proben und Muster, wie ein Manuskript Form annimmt. Dass die Herstellung von Büchern aufwendig und kostenintensiv ist, haben wir in den Tagen zuvor gelernt, aber wie viele Entscheidungen und Leute insgesamt an einem einzigen Buch beteiligt sind, wurde uns hier noch mal verdeutlicht. Während das Manuskript noch vollendet wird, sind bereits MitarbeiterInnen fleißig damit beschäftigt, die Buchgestaltung zu planen, die Kosten zu kalkulieren, den Marketingaufwand zu ermessen und alles Weitere in die Wege zu leiten. Das Cover will gestaltet werden, dabei gibt es nicht nur Entscheidungen in Form und Farbe zu treffen, sondern beispielsweise auch noch ob ein Prägedruck oder Hochglanz in Frage kommt. Desweiteren muss die Schriftart und Schriftgröße gewählt und die Papierart entschieden, bei Hardcoverausgaben müssen zusätzlich Kapitalband und Lesebändchen ausgewählt werden...Eine Neuheit ist das Bedrucken des Seitenschnitts, was allerdings kostspielig ist.  Wenn alles stimmig ist, wird das fertige Produkt innerhalb weniger Wochen aus der Druckerei geliefert und kommt in unsere Läden. Abschließend durften wir uns auf einer kurzen Führung im Ullsteinhaus umsehen und verabschiedeten uns dann mit reichlich Buchpräsenten und diesen vielen neuen Informationen und Eindrücken von unseren so engagierten und charmanten GastgeberInnen!