Literatur-Nachrichten

Lust an der Pflicht

Die Rastlosigkeit von Helmut Schmidt ist berüchtigt. Als Kanzler hat er seine Mitarbeiter oft noch nach Mitternacht aus den Federn geklingelt. Selbst mit knapp 90 reist er um die Welt, hält Reden, ist Zeitungsherausgeber. Sein jüngstes Buch trägt den Titel „Außer Dienst“. Eine Bilanz.

Wie er so dasitzt, an der unvermeidlichen Zigarette zieht, die Beine lässig übereinandergeschlagen, sieht man ihm seine fast 90 Jahre nicht an. Die Stimme ist mit der Zeit immer tiefer geworden, aber nach wie vor ist sie raumgreifend, modulationsreich, kräftig. Man merkt, welche Freude er daran hat, ein Problem zu analysieren, eine Aussage auf den Punkt zu bringen. In der Rolle des Elder Statesman ist er unübertroffen. Kurz nachdem er der nach eigener Aussage „Scheiße des Krieges“ entronnen war – Schmidt war acht Jahre lang Soldat –, begann seine politische Laufbahn. Zwar behauptet er: „Die Macht als solche hat mich nie gereizt“ – und gewiss hat er nie wie der junge Gerhard Schröder am Zaun des Kanzleramtes gerüttelt und „Ich will da rein!“ gerufen. Aber der Dienst am Gemeinwohl hat ihn schon gelockt, die paradoxe Lust an der Pflicht. Innensenator von Hamburg war er, SPD-Fraktionschef der Großen Koalition und – unter Willy Brandt – Minister für Verteidigung, Wirtschaft und Finanzen, bevor er das höchste Regierungsamt antrat. Als Kanzler wurde Schmidt für den japanischen Ministerpräsidenten Noboru Takeshita zum „verehrten Lehrer“. Und die britische „Financial Times“ kürte ihn 1975 zum „Mann des Jahres“. Die Mächtigen der Welt – wie Breschnew, Kissinger, Deng Xiaoping – zollten ihm höchste Anerkennung. „Außer Dienst“ heißt sein jüngstes Buch. Laut Untertitel handelt es sich um „eine Bilanz“, nicht um Memoiren. „Politische Selbstbespiegelungen sind mir immer suspekt gewesen“, sagt Schmidt. Es sind Erinnerungen des Staatsmannes, Ratschläge des Ökonomen, es sind Überlegungen zu Religion, Vernunft und Gewissen. Aus „Schmidt-Schnauze“, wie der scharfzüngige Parlamentarier zu Beginn seiner Politikerzeit genannt wurde, ist längst „Schmidt-Kosmos“ geworden, wie der SPD-Abgeordnete Claus Grobecker es einmal ausgedrückt hat. Beeindruckende Begegnungen Zu diesem Kosmos gehört unverzichtbar das „Lernen“ – ein Schlüsselwort für Helmut Schmidt. Dankbar erinnert er sich an Gespräche mit Weggefährten, die ihm Neues vermittelt haben. Die Zahl der politischen und persönlichen Freunde, die in seinem Buch auftauchen, ist imposant. Leider haben, wie er schreibt, schon viele der alten Weggefährten endgültig „ihre Adresse gewechselt“. Am stärksten hat es Schmidt der ägyptische Staatspräsident Anwar as-Sadat angetan, dem er 1977 erstmals begegnete: „Als sei es gestern gewesen, so gut erinnere ich unsere gemeinsame Fahrt den Nil aufwärts nach Assuan. Es war eine sternenklare Nacht, wir saßen auf dem Oberdeck. Und während wir die Sterne am Himmel betrachteten, erklärte Sadat mir die gemeinsame Herkunft der drei großen monotheistischen Religionen …“ Schmidt war von Sadat vor allem deshalb so beeindruckt, weil dieser bedingungslos seinem Gewissen folgte: Im November 1977 reiste der Ägypter nach Jerusalem und hielt vor der Knesset eine Rede, in der er das Existenzrecht Israels anerkannte und einen Friedensvertrag vorschlug. Jedem war klar, dass Sadat mit diesem Schritt sein Leben riskierte. Als er dann im Herbst 1981 tatsächlich einem Attentat zum Opfer fiel, musste Schmidt sich mit dramatischen Herzrhythmusstörungen ins Krankenhaus begeben. Seitdem trägt er einen Schrittmacher. Die Gespräche mit Sadat brachten Schmidt dazu, sich näher mit dem Islam zu beschäftigen und mit den Gemeinsamkeiten der großen Religionen. Mit Begeisterung spricht er in seinem Buch von Hans Küngs ökumenischem „Weltethos“-Projekt, das den übergreifenden Wertekanon der Religionen ins öffentliche Bewusstsein heben möchte. Dagegen ist Helmut Schmidt jede Form missionarisch-bekehrender Tätigkeit ein Gräuel, jedes ‚Du hast unrecht, ich aber bin erleuchtet‘: „Solche selbstgerechten religiösen ‚Gewissheiten‘ haben im Laufe der Geschichte unermessliche Leiden verursacht“, beklagt Schmidt. Wie schaut es mit seinen persönlichen Fesseln aus oder hat sein hohes Alter ihn inzwischen frei gemacht? „Seit dem Ende von Nazizeit und Kriegsgefangenschaft habe ich mich immer frei gefühlt“, sagt er. Allerdings habe sich sein Verhältnis zur Zeit und ihrem Gebrauch verändert: „Im hohen Alter ist jeder einzelne Tag wertvoll, weil man weiß, er könnte der letzte sein.“ Mehr als 70 Jahre politische Zeitgeschichte überblickt dieser Mann. Ist „Außer Dienst“ also ein Werk des panoramahaften Überblicks, der Altersweisheit gar? Durchaus! Doch Schmidt kann nach wie vor herrlich poltern, bissig kann er sein und großartig ungerecht. „Manchmal wird einer Minister, gerade damit er nichts Besonderes zustande bringt“, schreibt er beispielsweise. Und über den ehemaligen Sowjetchef Leonid Breschnew urteilt er wenig schmeichelhaft: „Menschlich nicht unsympathisch, aber von begrenztem Horizont.“ Über weite Passagen beschränkt sich „Außer Dienst“ jedoch nicht auf die Rückschau, sondern beschäftigt sich intensiv mit drängenden Zukunftsproblemen – vom internationalen „Raubtierkapitalismus“ bis hin zum Aufbau Ostdeutschlands. Als würde der Autor noch für weitere Legislaturperioden Verantwortung tragen. Streben nach Anerkennung Politiker, so Schmidt, streben im Allgemeinen weniger nach Macht als nach Ansehen. Da will er sich gar nicht ausnehmen: „Mein Ehrgeiz war nicht auf Ämter gerichtet, sondern auf Anerkennung – ähnlich wie ein Künstler oder ein Sportler Anerkennung durch Leistung sucht.“ Diese Art von Anerkennung hat Schmidt erfahren, wieder und wieder. Aber was war seine wertvollste Lebenserfahrung? Seine Antwort berührt die politische Sphäre nur am Rande: „Meine wertvollste Erfahrung sind Loyalität und Solidarität von Mitmenschen.“ Dabei dürfte er, der viele Freunde hat, vor allem an seine Ehefrau Loki gedacht haben. Die beiden haben sich im Gymnasium in der 5. Klasse – Sexta hieß das damals noch – kennengelernt. „Auf unserem Schulweg diskutierten wir endlos über Gott und die Welt“, schreibt Loki Schmidt in ihren Erinnerungen. Bevor ihr Freund nach Russland in den Krieg ging, haben sie sich auf einer Bank in der Nähe des Berliner U-Bahnhofs Nollendorfplatz die Ehe versprochen. „Als ich Helmut zum Zug brachte, standen viele junge Frauen weinend auf dem Bahnsteig – wie ich. Wir fragten uns wohl alle, ob wir unsere Männer je wiedersehen würden.“ 1942 haben die beiden geheiratet, auch kirchlich: Loki, die atheistisch aufwuchs, ließ sich sogar eigens für diesen Anlass taufen. Heute, 66 Jahre später, pflegen sie, wenn sie getrennt sein müssen, jeden Abend miteinander zu telefonieren. Um zu hören, „ob der andere noch da ist“. Nach wie vor ist Helmut Schmidt Kirchenmitglied. „Jedoch bezweifle ich“, gibt er zu bedenken, „dass Martin Luther oder der Vatikan mich als Christen anerkennen würden.“ Es falle ihm nämlich schwer, an die göttliche Gerechtigkeit zu glauben: „Gott hat zu viele und zu große Verbrechen zugelassen“ – allen voran den Massenmord an den Juden. Auf die Frage, wodurch sein Gottesbild heute denn bestimmt werde, antwortet er: „Meine Vorstellung von Gott ist im Laufe des Lebens immer unschärfer geworden. Zugleich aber ist mein Respekt vor anderer Leute religiöser Glaubensüberzeugungen immer noch gewachsen.“ Erst ohne die Verpflichtungen des politischen Tagesgeschäfts – des „redenden“ Berufs – konnte Helmut Schmidt sich als Publizist entfalten. „Außer Dienst“ zeigt ihn auf dem Höhepunkt seiner schriftstellerischen Fähigkeiten. Der Stil entspricht dem Mann: nüchtern – doch voller Temperament; weitblickend – doch rasch und konkret beim Zugriff aufs prägnante Detail; vielschichtig und facettenreich – doch stets so klar und unzweideutig wie ein Gebäude der Backsteingotik. Wer ihn liest, hört ihn reden, sieht ihn vor sich. In den besten Passagen erinnert das Buch an die knappe Diktion römischer Prosaisten. Mit erzgescheiten Analysen und prägnanten Lösungsvorschlägen ist das Buch eine intellektuelle Herausforderung und ein Genuss für jeden politisch Interessierten. Vita Helmut Schmidt wurde am 23. Dezember 1918 in Hamburg geboren. Nach dem Ende des Krieges studierte er Volkswirtschaft und trat der SPD bei. Als Innensenator leitete er im Februar 1962 die Rettungsarbeiten während der Hamburger Flutkatastrophe. Von 1966 bis 1969 war er Fraktionsvorsitzender der SPD im Bundestag. Unter Kanzler Willy Brandt bekleidete er die Ämter des Verteidigungs-, des Wirtschafts- und des Finanzministers. Von 1974 bis 1982 war Schmidt Bundeskanzler. Er setzte Brandts Ostpolitik fort, begegnete dem Terrorismus der Roten Armee Fraktion und führte die Bundesrepublik durch die Weltwirtschaftskrise der 70er-Jahre. Seit seinem Ausscheiden aus dem Regierungsamt ist er politischer Publizist, einer der Herausgeber der Wochenzeitung „Die Zeit“ und Autor zahlreicher Bücher. Seit 1942 ist Schmidt mit seiner Frau Hannelore („Loki“) verheiratet. Ihr gemeinsamer Sohn Helmut Walther (* 1944) starb noch vor seinem ersten Geburtstag. Ihre Tochter Susanne wurde 1947 geboren. Text: Christian Dombrowski Foto: Werner Bartsch

Titel

  1. Außer Dienst
    • VerlagRandom House Audio
    • ISBN 978-3-86604-933-8

    bestellen

  2. Außer Dienst
    • VerlagSiedler
    • ISBN 978-3-88680-863-2

    bestellen

Kommentar schreiben

Wie in Foren üblich werden sexistische Äußerungen, persönliche Beleidigungen, Drohungen, Diskriminierungen, antisemitische und rassistische Aussagen und jede Art von strafbaren Äußerungen entfernt. Bitte diskutieren Sie sachlich und in freundlichem Ton. Netiquette
Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

Ihr Kommentar

(E-Mail wird nicht veröffentlicht)

Bitte geben Sie diese Buchstabenfolge hier noch einmal ein:. Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination. TIPP: Zwischen Klein- und Großbuchstaben müssen Sie nicht unterscheiden.

* Pflichtfeld